joomla_at_01

Beyhan

geboren in Aşlama/Niğde (Mittelanatolien), einem Dorf ohne fließend Wasser in der Türkei.

Sie arbeitet gelegentlich als Küchenhilfe in Dönerimbissen oder als Zeitungsausträgerin und ist Teilnehmerin am Alphabetisierungskurs der Jobagentur. Sie spricht wenig deutsch und besitzt lediglich eine Bestattungsversicherung, die ihr eine Überführung in ihr Heimatland garantiert, wo sie zuletzt 1994 war.

Rückblick: Beyhan kommt 1975 als junges Mädchen durch eine arrangierte Ehe mit dem Gastarbeiter Mehmet in die Bundesrepublik. Sie leben in Backnang, einer Kleinstadt unweit Stuttgarts. Mit 16 Jahren gebärt sie Mehmet das erste Kind, die übrigen Kinder folgen kurz aufeinander. Beyhan hat es als ungelernte Kraft nicht einfach auf dem Arbeitsmarkt. In ihrem Heimatdorf hütete sie Schafe und knüpfte Teppiche. In Deutschland stellt ihr Analphabetismus eine große Herausforderung dar.

Von ihrem trinkenden, spielsüchtigen Ehemann und ihren schreienden Kindern alleingelassen, fällt ihr das Erlernen der Sprache und Schrift schwer. Sie arbeitet beim Motorsägenhersteller Stihl am Fließband. Dort verliert sie durch einen Arbeitsunfall zwei Fingerkuppen und muss die Beschäftigung aufgeben. Es folgen andere Fabrikarbeiten. Meist ist sie die Alleinverdienerin, denn Mehmet gibt sein selten Verdientes zu seinem eigenen Vergnügen aus. Beyhan macht eine traurige Karriere als Gelegenheitsjobberin, wo sie durch ihr sprachliches Unvermögen immer wieder in die Abhängigkeit von ausbeuterischen Arbeitgebern gerät.

Die Ehe ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die heftigen Streitigkeiten, wo es meist um Geldmangel geht, arten in häusliche Gewalt aus. Gewissen menschlichen Grundbedürfnissen wird nicht nachgekommen: Gegenseitiger Respekt und Toleranz, Vertrauen und Ehrlichkeit, Rücksichtnahme und Mitgefühl stehen nicht auf der Agenda unserer Familie.

Etwa zehn Jahre nach der Scheidung von Mehmet lernt Beyhan Zeynel kennen, einen vermeintlichen politischen Flüchtling und ihren zweiten Ehemann. Beyhan leidet zwar nach wie vor unter akuter Geldnot, aber gemeinsam wollen sie versuchen, ihrem Elend ein Ende zu bereiten. Zum ersten Mal in ihrem Leben, mit fast 45 Jahren, ist Beyhan verliebt. Wir Kinder, ausgenommen ALI, sind erleichtert, da Zeynel sehr lieb und geduldig zu sein scheint. Zeynels Antrag auf Asyl hat minimale Aussichten auf Erfolg. Sie heiraten, kaum dass sie sich begegnet sind, sehr bescheiden, aber überglücklich. Die Tage der Existenznot könnten gezählt sein, sobald Zeynel seinen Busführerscheintest besteht und eine Anstellung findet. Dann kommt ein dringender Telefonanruf – Zeynels Vater liegt im Sterben. Als Zeynel hastig in die Türkei aufbricht, ahnt Beyhan noch nicht, daß er nie wieder die gemeinsame Wohnung betreten wird. Er kehrt zurück zu seiner angeblich geschiedenen Frau in der Türkei. Inzwischen ist sein Status in Deutschland als berechtigter Bürger und Busfahrer gesichert. Beyhan wurde die ganze Zeit über systematisch von ihm ausgebeutet. Unwissentlich lebte sie in einer Scheinehe.

Beyhan verkraftet die Ereignisse nur schwer und stürzt in eine tiefe Krise, von der sie sich nach wie vor nicht erholt hat. Keiner ihrer Träume hat sich erfüllt, selbst wir Kinder haben sie enttäuscht.

Beyhan im Alphabetisierungskurs

 

Beyhan Calis

 

Beyhan Calis

 

Beyhan Calis

 

"Wenn ich krank werde, wird niemand an meiner Türe klingeln und mir Brot bringen."