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Mehmet

geboren in Kaymakli/Nevşehir (Mittelanatolien), Türkei. Weil er zu klein für den Militärdienst ist, wird er in der türkischen Armee zum Koch ausgebildet. Er kommt 1972, drei Jahre früher als Beyhan, nach Deutschland – Status Gastarbeiter. Er raucht zwei Schachteln Zigaretten pro Tag und nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Als seine Eltern ihm aus der Ferne ein unbekanntes Mädchen aus dem Nachbardorf zur Braut wählen, stellt er keine Ansprüche und willigt ein.

Mehmet hat anfangs beim Motorsägenhersteller Stihl eine feste Anstellung. Doch durch seine Spielautomaten- und Alkoholsucht meldet er sich oft krank und wird schließlich entlassen. Wir Kinder bekommen ihn kaum zu Gesicht. Wenn er doch zu Hause ist, wünschen wir uns, er wäre es lieber nicht.

Es folgen verschiedene Gelegenheitsjobs. Unter anderem werden in Heimarbeit Katheter zusammengebaut, wobei die ganze Familie mithelfen muss. Später eröffnet er einen Gemüseladen, den er schnell herunterwirtschaftet. Die Überbrückungszeiten werden immer länger.

1991 verschwindet Mehmet für eine Weile, ohne dass die Familie genau weiß, wo er ist. Später stellt sich heraus, dass er als Menschenschleuser im Jugoslawienkrieg beschäftigt war, wobei er einen schweren Autounfall überlebte. Ein hinkendes Bein soll ihn zeitlebens daran erinnern. Zu diesem Zeitpunkt will sich Mutter bereits von ihrem Mann trennen. Doch er verschafft sich immer wieder gewaltsam Zutritt zur Wohnung. Eine Zeitlang lebt er vor dem Wohnhaus im Auto, bis er auch das verspielt. Verurteilt wegen mehrerer Strafdelikte, wird er im Mai 2001 in die Türkei abgeschoben An seinem letzten Tag in Deutschland überreiche ich ihm am Flughafen seine restliche Habe. Er will wissen, ob ich ihn etwas fragen will. Ich schüttele den Kopf.

Mehmet lebt heute in seinem Heimatdorf, im Haus seiner verstorbenen Eltern. Wieder verheiratet, hat er, neben seiner jungen Frau, zwei kleine Kinder zu versorgen. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Dönerbudenbesitzer, welches ihm seine Verwandten ermöglichen. Es ist ihm nicht gestattet, nach Deutschland zurückzukehren. Trotzdem sucht er den Kontakt zu uns Kindern. Zu Beginn seines neuen Lebens sendet ihm Ali noch Geld und finanziert ihm seine Hochzeit. Doch mittlerweile verweigert er sich ebenso. Ab und zu telefoniert Mehmet mit seiner ältesten Tochter Ilknur.

 

 

 

 

"Wir waren euch keine guten Eltern und ihr ward uns keine guten Kinder."